Spür die Kraft!    Atme die Luft!    Fühl den Berg!


Industriekulturstandort Velsen



Der Bergbau geht, nur die Erinnerung  bleibt. Jeder Bergbaustandort setzt auf einen eigenen Stil der Erinnerung – manche stiller, manche lauter. Ensdorf erfreut sich am Polygon, seiner Halde und dem Sitz des Restbergbaus. Reden setzt vor allem auf den Kontrast zwischen alt und neu, um den Strukturwandel zu betonen. Luisenthal könnte im Rückblick auf das verheerende Grubenunglück vom 7. Februar 1962 der Standort des Gedenkens und der Traditionspflege werden.


Was in der Reihe fehlt, ist ein Standort, der sich ernsthaft mit der Historie der Kohlegewinnung auseinandersetzt. Der Mensch sucht einen Platz, um sich erinnern zu können, gerade jetzt, wo die letzten Kohlebrocken in Deutschland gefördert sind. Hier setzt der Standort Velsen an. Das am vollständigsten erhaltene Ensemble preußischer Montanindustriebauten wartet darauf, wachgeküsst zu werden. Längst als Primus inter pares unter den Premiumstandorten des saarländischen Bergbaus geehrt, kämpft dieser Ort leider immer noch um die ihm gebotene Wertschätzung seitens der Förderer.

 

Dabei gibt es eine Reihe an Aktivitäten am Standort, die unermüdlich zur Steigerung seiner Attraktivität beitragen. Das Erlebnisbergwerk Velsen mit seinen erfolgreichen Führungen zur Abbautechnik sei hier natürlich zuerst genannt. Und zwar nicht zuletzt auch, weil sich der Verein u.a. auch zum Ziel gesetzt hat, den gesamten Standort zu fördern. Dann wäre da natürlich zu nennen die historische Kaffeeküch – die letzte im Saarland, die seit Jahrzehnten noch in ihrer ursprünglichen Form und Funktion erhalten ist. Die Dampfmaschine vom Gustavschacht – liebevoll gepflegt von den Berg- und Hüttenleuten Warndt. Künstler wie Bernd Geiter und Gaitano Franzese, die ihr Atelier in den alten Verwaltungs- und Funktionsgebäuden haben. Aber auch die aktive Industrie, welche aus dem Bergbau hervorging, blieb an diesem Standort erhalten: Die AVA Velsen, einst unter Beteiligung von Saarberg gegründet, stellt eine moderne und emissionsarme Form der Müllentsorgung dar. Gerade aus der Symbiose von Tradition, Historischem, Morbidem und gleichzeitig aktiver Industrie entsteht diese besondere Atmosphäre, die die Menschen zu historischen Insdustriestätten hinzieht. Siehe auch Weltkulturerbe Völklinger Hütte, die dortige alte Kokerei und die aktive Stahlindustrie gleich nebenan.


Dann liegt da noch die Trasse der Rosseltalbahn, seit der Stillegung der Grube Warndt im Jahr 2005 ebenfalls vor sich hin rostend. Also eigentlich alle Zutaten, die man bräuchte, um einen richtig attraktiven Montanpark zu kreieren, der Historiker wie Touristen und Bildungssuchende gleichermaßen anziehen kann. Das Erlebnisbergwerk Velsen hat einen Startpflock eingeschlagen, jetzt geht es darum, die nächsten Schritte zu wagen. Pläne und Studien gibt es genug, beispielsweise die Ideenwerkstatt aus den Jahren 2014 und 2015.



Velsen ist ein Standort, der noch am Anfang der Entwicklung steht und finanzielle Förderung benötigt. Da wäre erstmal die Sanierung der Kaffeeküche und der historischen Gebäude zu finanzieren, das könnte einen einstelligen Millionenbetrag kosten. Eine Dachgesellschaft müsste her, welche die Aktivitäten der einzelnen Akteure am Standort koordiniert und so für Touristen attraktiver macht. Wanderer und Radfahrer könnten z.B. sonntags früh das Erlebnisbergwerk besichtigen, dann eine Kleinigkeit in der Kaffeeküch essen, anschließend einen Blick auf die Dampfmaschine werfen und ihre Sonntagstour mit der Gewissheit fortsetzen, viel Interessantes gesehen zu haben. Zum Warndt-Weekend hat sich der Standort bereits als einer der attraktivsten Pfeiler der Veranstaltungsreihe etabliert, ein Termin zu dem auch alle mitmachen. Eine Beleuchtungsaktion für den Gustavschacht hat die Zusammenarbeit und vor allem das Engagement für den Gesamtstandort Velsen nochmal unterstrichen auch wenn die Erkenntnis um das touristische Potential noch ein wenig reifen muss.


Was wäre hier sonst noch möglich: ein kleines Hotel, ein Tagungszentrum – hierfür böten sich das Administrationsgebäude oder die ehemaligen Pferdeställe an. Der riesige Nebenraum der Dampfmaschine (einst Standort ihres Zwillings) kann als Eventlokalität entwickelt werden mit einer Kapazität von 100 bis 200 Personen. Daß hierfür eine starke Nachfrage besteht, sieht man an der Auslastung unserer Knubbebud – ein kleinerer Eventstollen, den das EBV für private Feierlichkeiten vermietet. Das Fördergerüst und die Schachthalle stehen derzeit noch unter Bergaufsicht wegen der Grubenwasserüberwachung. Dennoch könnte man sich hier Besuche von Kleingruppen auf dem Schachtgerüst vorstellen – zumindest langfristig. Das EBV betreibt ja bereits auf einem kleinen Rundkurs Fahrten mit der Original Grubenbahn und Akkuloks aus den Sechzigerjahren. Und weitere historische Loks werden derzeit restauriert. Überlegt man sich beispielsweise, das Gleisnetz auf den Gesamtstandort in Form eines größeren Rundkurses auszudehnen, so könnten Rundfahrten als eigenständige Attraktion angeboten werden. Und wenn sich die Dampfmaschine wieder bewegen würde…


Betrachten wir die Verkehrssituation: Aktuell die reinste Katastrophe. Kein Bus fährt Velsen an, kein Zug befährt die Rosseltalstrecke und Autofahrer müssen sich mit den Müll-Lastern und dem Wildwuchs um die freien Flächen streiten. Lediglich Fahrradfahrer sind recht gut angebunden. Dabei bietet sich eine Fläche für einen großen Parkplatz an: Unterhalb der Schachtmauer auf dem Gelände des ehemaligen Grubenbahnhofs (zwischen Mauer und Solarfeld). Sogar eine Zufahrt existiert bereits. Die derzeitige alte Werkstraße und zentrale Ader des alten Werksgeländes bzw. des neuen zwischen Verwaltungsgebäude und Dampfmaschine könnte Fußgängerzone und Flaniermeile werden. Mit Buden und allem was zu einem touristischen Standort so dazugehört.



Die Verkehrsanbindung ist derzeit noch ein Pferdefuß. Die Rosseltalbahn ist stillgelegt, Busse fahren Velsen nur selten, aus Saarbrücken, wozu Velsen verwaltungstechnisch gehört, gar nicht an! Allerdings gibt es vielversprechende Anzeichen für eine Reaktivierung der Rosseltalbahn. Als entlastende Nahverkehrsader für den Warndt hätte sie ohnehin jede Daseinsberechtigung. Eine Reaktivierung bis Großrosseln würde die Erreichbarkeit natürlich enorm verbessern. Aber selbst in Form einer reinen Museumsbahn würde sie die Montankulturstandorte Völklingen-Weltkulturerbe und Velsen verbinden. Vielleicht sogar mittels eines historischen Dampfzuges. Und setzte man das ganze fort bis Petite-Rosselle und zum Carreau Wendel, so würde sich die Deutsch-Französische Kooperation der Bergleute auch im Standort widerspiegeln und den Europäischen Aspekt betonen.

Das Team vom Erlebnisbergwerk Velsen nimmt diese Ideen sehr ernst, nicht zuletzt, weil auch die Entwicklung des Gesamtstandorts einen Vereinszweck darstellt. So hat 2018 eine Delegation des EBV die Ideen für den Standort Velsen auf der internationalen Fachtagung ICMUM in Krakau vorgestellt – vor einem hochgradig besetzten Publikum aus ganz Europa und sogar aus den USA unter reger Beteiligung von Vertretern der UNESCO Welterbe-Gremien. Das Echo auf diese Aktivitäten war extrem positiv und es konnten viele wertvolle Kontakte geknüpft werden.

Denken wir nochmal zurück an den Ausgangspunkt: An Visionen und konkreten Vorschlägen für einen echten Kohlebergbau-Erinnerungsstandort mangelt es in Velsen nicht. Es könnte DER Standort unter den Kohle-Premiumstandorten werden, der den historischen Aspekt schwerpunktmäßig abdeckt.

 

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